19. Grazer Psychiatrisch-Psychosomatische Tagung im Minoritenzentrum Graz

Veranstaltung

„Das verwöhnte Selbst“ - 22. und 23. Jänner 2026. Zwei Tage lang stand die psychiatrisch-psychosomatische Tagung ganz im Zeichen der kritischen Betrachtung des Themas „Verwöhnung”, die nicht als Luxusproblem, sondern als mögliche getarnte Vernachlässigung mit weitreichenden individuellen und gesellschaftlichen Folgen verstanden wurde. Die zahlreichen Teilnehmer:innen erlebten einen intensiven, interdisziplinären Diskurs, der die Bereiche Psychiatrie, Psychologie, Medizin, Politik, Soziologie, Theologie, Kunst und Literatur miteinander verband.

Zahlreiche Besucherinnen und Besucher im Minoritensaal Graz

Bereits am ersten Tag spannten die Referent:innen einen großen Bogen: Der Politikanalyst Thomas Hofer analysierte die „verwöhnte Wählerschaft“ und die Möglichkeiten und Grenzen der politischen Strategien sowie die Bedeutung der Emotion in der aktuellen Politiklandschaft, während der Heidelberger Philosoph und Psychiater Thomas Fuchs eindrücklich zeigte, wie der Verlust von Widerstandskraft mit einem Verlust von Wirklichkeitsbezug und Kompetenzen einhergehen kann. Beiträge aus der Sportmedizin von Jürgen Scharhag, Medienpädagogik von Lukas Wagner und Pastoraltheologie von Paul Michael Zulehner spannten den Bogen von Fatigue und Burn-out bei Übertraining, über Selbstinszenierung beim Main-Character und Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen, bis zur zwanghaften Maßlosigkeit in mäßigen Zeiten.

Am zweiten Tag rückte die Differenzierung in den Fokus. Der Umweltmediziner Hanns Moshammer ging der Frage nach vermeintlicher Verweichlichung und tatsächlicher Vulnerabilität nach, Marc Schipper ging dem Wandel des Mindsets und der Wichtigkeit von Emotion und Empathie bei der Therapie von schulverweigernden Kindern und Jugendlichen nach und Mediziner Thomas Weber zeigte, wie wichtig ein genauer Blick und evidenzbasierte, empathische Medizin ist und wie problembehaftet Fehldeutungen sein können, insbesondere bei Long COVID und ME/CFS. Gerade am Beispiel von Long COVID und ME/CFS wurde deutlich, wie sich Fehldeutungen auswirken können. Aljoscha Neubauer ging der Wahrnehmung des eigenen Selbstbildes nach. 

In der abschließenden Runde standen Beziehungen, Verantwortung und gesellschaftliche Rahmenbedingungen im Mittelpunkt. Daniela Knoppik sprach über Kinderhandel und notwendige Schutzmechanismen, bei Moritz Köster standen kulturvergleichende Perspektiven am Tableau, Margarete Mernyi referierte über Überforderung und Verwöhnung in sich wandelnden Familienbeziehungen. Einen besonderen Akzent setzte das Gespräch zwischen Michael Lehofer und der deutsch-iranischen Schriftstellerin Nava Ebrahimi, das literarische Reflexion und persönliche Verantwortung eindrucksvoll miteinander verband. Mit den abschließenden Worten von Eva Reininghaus klang eine Tagung aus, die bewusst irritierte, zum Weiterdenken anregte und einmal mehr zeigte: Die Entwicklung von Selbstverantwortung wird nicht durch Mangel oder Überfluss beeinflusst, sondern durch Reflexion. Danke an alle Referent:innen und Teilnehmer:innen für zwei Tage, die zum Weiterdenken anregen, interessant, interdisziplinär, sympathisch und menschlich!