40 Jahre Zentrum fĂŒr Suchtmedizin

Fachliche Impulse und neue Perspektiven bei JubilÀumstagung in Graz

Mit der wissenschaftlichen Tagung „Von der AbhĂ€ngigkeit zur Erkenntnis“ feierte das Zentrum fĂŒr Suchtmedizin am LKH Graz II, Standort SĂŒd am 19. MĂ€rz 2026 sein 40-jĂ€hriges Bestehen. Zahlreiche Expert:innen aus Medizin, Wissenschaft und Praxis folgten der Einladung ins Minoritenzentrum Graz, um aktuelle Entwicklungen und zukĂŒnftige Herausforderungen in der Suchtmedizin zu diskutieren.

Gruppenbild mit Martin Ecker, Pflegedirektorin Birgit Großauer, Paul Pizzera, Karlheinz Christian Korbel, Roland Mader, Eva Kada, Martin Kurz
Prim. Dr. Martin Ecker, Pflegedirektorin Birgit Großauer, MBA, Paul Pizzera, Prim. Dr. Karlheinz Christian Korbel, Prim. Dr. Roland Mader, Prim. Dr. Eva Kada, Prim. Univ.-Doz. Dr. Martin Kurz

Im Rahmen der Eröffnung wĂŒrdigten die Vertreter der Stadt Graz und des Landes Steiermark, GemeinderĂ€tin Elke Heinrichs und LTAbg. Marco Triller, in ihren Grußworten die Arbeit der Mitarbeitenden. Sie unterstrichen die hohe gesellschaftliche Relevanz der Suchtmedizin und bedankten sich fĂŒr den tĂ€glichen Einsatz und die empathische Betreuung der Patient:innen.

Die Entwicklung des Zentrums wurde aus historischer Perspektive von gleich zwei ehemaligen und dem aktuellen Primarius beleuchtet. Prim. Univ.-Doz. Dr. Martin Kurz erinnerte an den Aufbau zentraler Strukturen, wie der Ambulanz und der Substitutionsprogramme und die Vorbereitungsarbeiten fĂŒr den Erweiterungsbau, den schließlich Prim. a. Dr. Johann Sailer eröffnen konnte und mit persönlichen Erinnerungen veranschaulichte. Der aktuelle Leiter des Zentrums, Prim. Dr. Martin Ecker, betonte die Bedeutung von Teamarbeit und Vernetzung: „Das Zentrum fĂŒr Suchtmedizin öffnet sich zunehmend nach außen – in enger Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen und Partnerorganisationen. Die Suchtmedizin ist ein Fachgebiet im Wandel. Gesellschaftliche Entwicklungen und neue Formen von AbhĂ€ngigkeit fordern uns heraus, unsere Angebote kontinuierlich weiterzuentwickeln. Besonders hob er auch die Tagesklinik hervor, die seit mehr als einem Jahr besteht.  Zudem fĂŒgte er hinzu: „Gleichzeitig zeigt unser 40-jĂ€hriges Bestehen, wie wichtig Erfahrung, KontinuitĂ€t und Innovation in der Versorgung unserer Patient:innen sind.“

Der Ärztliche Direktor des LKH Graz II, Prim. Univ.-Prof. DDr. Michael Lehofer betonte in seinem Vortrag die grundlegende VerĂ€nderung im VerstĂ€ndnis von Sucht: „Es war ein entscheidender Fortschritt, Sucht als Krankheit und nicht als CharakterschwĂ€che zu erkennen. Der Weg aus der AbhĂ€ngigkeit beginnt mit der Entscheidung zur VerĂ€nderung.“

Auch Prim. Dr. Karlheinz Christian Korbel, Ärztlicher Direktor des Landesklinikums Mauer, hob die Bedeutung moderner AnsĂ€tze wie Harm Reduction hervor: „Menschen mĂŒssen ĂŒberleben können, bevor sie therapiert werden können.“ Maßnahmen wie Substitutionstherapien, Spritzentauschprogramme, Drug-Checking oder der innovative Einsatz des Notfallmedikaments Naloxon, tragen wesentlich dazu bei, Risiken zu reduzieren und Leben zu retten, wie internationale und nationale Beispiele belegen.

Ein besonderer Fokus lag zudem auf neuen Suchtformen, im Vortrag des Ärztlichen Direktors des Anton-Proksch-Instituts.  Prim. Dr. Roland Mader thematisierte die zunehmende Problematik der digitalen AbhĂ€ngigkeit, insbesondere bei Jugendlichen. Die intensive Nutzung von Smartphones und sozialen Medien stelle eine wachsende Herausforderung fĂŒr Gesellschaft und das Gesundheitssystem dar.

Im Rahmen der Veranstaltung wurde auch die Bedeutung von Recovery-orientierten AnsĂ€tzen durch den Ärztlichen Leiter der Psychiatrie und Psychotherapeutischen Medizin am Krankenhaus Zams, Prim. Univ.-Doz. Dr. Martin Kurz, hervorgehoben. Diese stellen die Selbstbestimmung und Ressourcen der Patient:innen in den Mittelpunkt. Das Programm wurde durch persönliche Einblicke ergĂ€nzt, die verdeutlichten: Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von SchwĂ€che, sondern ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Genesung.

Der Kabarettist, Autor und SĂ€nger Paul Pizzera bekrĂ€ftigte mit privaten Worten und Einblicken die Wichtigkeit der psychiatrischen und psychotherapeutischen Arbeit. „Stark sein“, so erlĂ€uterte Pizzera, „heißt auch sich Hilfe zu holen.“ Freundschaften sind wichtig, meinte er, aber sie ersetzen keine Therapie. Diese wirke nicht immer sofort, aber dafĂŒr nachhaltig. 

Prof. Dr. Thomas Macho beleuchtete Rausch und Sucht aus kulturhistorischer Perspektive und zeigte, dass der Umgang mit bewusstseinsverÀndernden Substanzen tief in der Menschheitsgeschichte verankert ist. Dabei wurde deutlich, wie sich die gesellschaftlichen Deutungen zwischen Faszination, Ritual und Stigmatisierung im Laufe der Zeit verÀndert haben.

Abschließend beleuchtete die Leiterin der Abteilung fĂŒr Forensik, Prim. Dr. Eva Kada die zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung und verdeutlichte die Abgrenzung zu anderen psychischen Erkrankungen. Gleichzeitig zeigte sie auf, welche komplexen Anforderungen sich daraus fĂŒr die Therapie ergeben und wie wichtig sein strukturierter Behandlungsansatz ist.