40 Jahre Zentrum fĂŒr Suchtmedizin
Fachliche Impulse und neue Perspektiven bei JubilÀumstagung in Graz
Mit der wissenschaftlichen Tagung âVon der AbhĂ€ngigkeit zur Erkenntnisâ feierte das Zentrum fĂŒr Suchtmedizin am LKH Graz II, Standort SĂŒd am 19. MĂ€rz 2026 sein 40-jĂ€hriges Bestehen. Zahlreiche Expert:innen aus Medizin, Wissenschaft und Praxis folgten der Einladung ins Minoritenzentrum Graz, um aktuelle Entwicklungen und zukĂŒnftige Herausforderungen in der Suchtmedizin zu diskutieren.
Im Rahmen der Eröffnung wĂŒrdigten die Vertreter der Stadt Graz und des Landes Steiermark, GemeinderĂ€tin Elke Heinrichs und LTAbg. Marco Triller, in ihren GruĂworten die Arbeit der Mitarbeitenden. Sie unterstrichen die hohe gesellschaftliche Relevanz der Suchtmedizin und bedankten sich fĂŒr den tĂ€glichen Einsatz und die empathische Betreuung der Patient:innen.
Die Entwicklung des Zentrums wurde aus historischer Perspektive von gleich zwei ehemaligen und dem aktuellen Primarius beleuchtet. Prim. Univ.-Doz. Dr. Martin Kurz erinnerte an den Aufbau zentraler Strukturen, wie der Ambulanz und der Substitutionsprogramme und die Vorbereitungsarbeiten fĂŒr den Erweiterungsbau, den schlieĂlich Prim. a. Dr. Johann Sailer eröffnen konnte und mit persönlichen Erinnerungen veranschaulichte. Der aktuelle Leiter des Zentrums, Prim. Dr. Martin Ecker, betonte die Bedeutung von Teamarbeit und Vernetzung: âDas Zentrum fĂŒr Suchtmedizin öffnet sich zunehmend nach auĂen â in enger Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen und Partnerorganisationen. Die Suchtmedizin ist ein Fachgebiet im Wandel. Gesellschaftliche Entwicklungen und neue Formen von AbhĂ€ngigkeit fordern uns heraus, unsere Angebote kontinuierlich weiterzuentwickeln. Besonders hob er auch die Tagesklinik hervor, die seit mehr als einem Jahr besteht. Zudem fĂŒgte er hinzu: âGleichzeitig zeigt unser 40-jĂ€hriges Bestehen, wie wichtig Erfahrung, KontinuitĂ€t und Innovation in der Versorgung unserer Patient:innen sind.â
Der Ărztliche Direktor des LKH Graz II, Prim. Univ.-Prof. DDr. Michael Lehofer betonte in seinem Vortrag die grundlegende VerĂ€nderung im VerstĂ€ndnis von Sucht: âEs war ein entscheidender Fortschritt, Sucht als Krankheit und nicht als CharakterschwĂ€che zu erkennen. Der Weg aus der AbhĂ€ngigkeit beginnt mit der Entscheidung zur VerĂ€nderung.â
Auch Prim. Dr. Karlheinz Christian Korbel, Ărztlicher Direktor des Landesklinikums Mauer, hob die Bedeutung moderner AnsĂ€tze wie Harm Reduction hervor: âMenschen mĂŒssen ĂŒberleben können, bevor sie therapiert werden können.â MaĂnahmen wie Substitutionstherapien, Spritzentauschprogramme, Drug-Checking oder der innovative Einsatz des Notfallmedikaments Naloxon, tragen wesentlich dazu bei, Risiken zu reduzieren und Leben zu retten, wie internationale und nationale Beispiele belegen.
Ein besonderer Fokus lag zudem auf neuen Suchtformen, im Vortrag des Ărztlichen Direktors des Anton-Proksch-Instituts. Prim. Dr. Roland Mader thematisierte die zunehmende Problematik der digitalen AbhĂ€ngigkeit, insbesondere bei Jugendlichen. Die intensive Nutzung von Smartphones und sozialen Medien stelle eine wachsende Herausforderung fĂŒr Gesellschaft und das Gesundheitssystem dar.
Im Rahmen der Veranstaltung wurde auch die Bedeutung von Recovery-orientierten AnsĂ€tzen durch den Ărztlichen Leiter der Psychiatrie und Psychotherapeutischen Medizin am Krankenhaus Zams, Prim. Univ.-Doz. Dr. Martin Kurz, hervorgehoben. Diese stellen die Selbstbestimmung und Ressourcen der Patient:innen in den Mittelpunkt. Das Programm wurde durch persönliche Einblicke ergĂ€nzt, die verdeutlichten: Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von SchwĂ€che, sondern ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Genesung.
Der Kabarettist, Autor und SĂ€nger Paul Pizzera bekrĂ€ftigte mit privaten Worten und Einblicken die Wichtigkeit der psychiatrischen und psychotherapeutischen Arbeit. âStark seinâ, so erlĂ€uterte Pizzera, âheiĂt auch sich Hilfe zu holen.â Freundschaften sind wichtig, meinte er, aber sie ersetzen keine Therapie. Diese wirke nicht immer sofort, aber dafĂŒr nachhaltig.
Prof. Dr. Thomas Macho beleuchtete Rausch und Sucht aus kulturhistorischer Perspektive und zeigte, dass der Umgang mit bewusstseinsverÀndernden Substanzen tief in der Menschheitsgeschichte verankert ist. Dabei wurde deutlich, wie sich die gesellschaftlichen Deutungen zwischen Faszination, Ritual und Stigmatisierung im Laufe der Zeit verÀndert haben.
AbschlieĂend beleuchtete die Leiterin der Abteilung fĂŒr Forensik, Prim. Dr. Eva Kada die zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung und verdeutlichte die Abgrenzung zu anderen psychischen Erkrankungen. Gleichzeitig zeigte sie auf, welche komplexen Anforderungen sich daraus fĂŒr die Therapie ergeben und wie wichtig sein strukturierter Behandlungsansatz ist.